Donald sucht Streit
von Matthias Mayer

Als Kinder hatten wir Unmengen von Comics, denn unser Vater unterstützte diese Art von Literatur als die einzige, zu der er sich ebenfalls entschließen konnte. Jede heute von Kritikern beachtete Sparte war vertreten: Schlümpfe, Gaston, Qualität wie Asterix, Lucky Luke, Tim und Struppi, aber auch wichtiger Schund von Yps bis Superheldencomics, Cross-Overs (Superman gegen Spider Man!), populäre Außenseiter wie MAD oder Clever & Smart (die beide so unsinnig gar nicht waren, sondern einen maßgeblichen Einfluss auf das Bildempfinden und Satirebewusstsein des Nach-wuchses hatten); aber auch Pflichtprogramm wie Disney-Taschenbücher und Fix & Foxi. Mein Vater hatte versehentlich viel mehr Einfluss auf meine humanistische Bildung, als er sich heute gewiss vorstellen mag.

Je erwachsener ich wurde, desto differenzierter konnte ich mein Interesse verfolgen, vom Leumund des Comics ungebremst. Meine umfangreiche Bibliothek räumt noch heute außergewöhnlichen Comics viel Platz ein. Und jeder, der Comics der Minderqualität zeiht, darf sich auf meine ungefragte Belehrung freuen.

Rein künstlerisch ist über den Comic nicht viel zu sagen. Dass ein Comic unverwechselbar und markant sein muss? Dass eine Comic-figur einen undefinierbaren Charme haben muss, sonst ist sie unrettbar verloren in der Nichtwahrnehmung? Dass erst mal die Idee das Kunstwerk macht? All das trennt den Comic nicht von anderen Werken. Freilich erst dass er Bild und Text stets in Einklang bringen muss, macht den Comic zu einer eigenständigen gestalterischen Disziplin. Dass das meiste, was uns am Kiosk und im Supermarkt begegnet, selten erwähnenswert ist, ändert nichts daran, dass es Erwähnenswertes gibt. Sicher gibt es Gutes und Schlechtes, aber erlauben Sie mir die Plattheit: Hauptsache, es wird gelesen. Erst mal. Geschmack bekommt man mit der Zeit automatisch. Jeder soviel er will. Bitte betrachten Sie mich als Beispiel: Der Comic hatte mich zwar dermaßen gefangen genommen, dass ich praktisch bis zum Abitur nichts anderes las, und doch bin ich heute ange-sehener Buchhändler und gefragter Journalist mit dem gleichen IQ wie Sharon Stone.

Nun zu meinem initialen Leseerlebnis: Im Alter von fünf Jahren war ich eines Tages in den unendlichen Tiefen meines Kinderzimmers auf der Suche nach Disneys lustigem Tachenbuch Nr. 14, „Donald sucht Streit“, denn das war das „Buch“, in dem ich gerade „las“. Doch auch mein älterer Bruder hatte genau das inzwischen zu lesen begonnen, und zwar ohne meine Erlaubnis.

Auf meine Reklamation hin speiste er mich mit einem wahllos gegriffenen, ganz anderen Disney-Tb ab. Die Chance, dass dessen Titelbild nicht völlig austauschbar war mit dem Leitmotiv von Band 14, „Donald sucht Streit“, war gering: Band 5, Onkel Dagobert bleibt Sieger. Band 18, Donald ist unschlagbar. Band 23, Ritter Donald ist der Beste. Band 27: Donald der Große. Wenn man nicht lesen kann, sieht das alles gleichermaßen kampfbereit aus.

Pah, abwarten auf die erste Klasse? Was muss ich mir bis dahin denn noch alles von meinem Bruder gefallen lassen? Bevor er mir all seine Leseabfälle unterjubelte, musste ich, das war mir klar, selbst lesen lernen. Und das tat ich, fast ganz allein, nur mit Hilfe einer Fibel und meiner Mutter, die mir erst begreiflich machen musste, dass es bloß 26 Buchstaben gibt und nicht 130.000 Millionen. Der Rest war Übungssache, und ich konnte fortan meine aktuelle Lektüre benennen, noch bevor ich eine Grundschule je betreten habe.

Von wegen Donald sucht Streit: Da müssten Sie erst mal mich als fünfjährigen Analphabeten kennenlernen.

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